Veröffentlicht am:28. August 2009
Am 17. August haben wir uns wieder zusammengerottet, zurückgekehrt von individuellen Streifzügen durch Nord- Ost und Süddeutschland, durch Polen und Italien.
Unsere Bühnenbildnerin hat ein Hochplateau bauen lassen, auf das wir in unregelmäßigen Abständen gemeinsam aufsteigen, dort agieren und sprechen bis wir uns zu abgeschieden von der Welt im Tal fühlen und beschließen, wir müssen es doch von den Niederungen aus versuchen und wieder absteigen.
So geht es hin und her.
Dabei schleifen wir zwei Säcke mit uns herum: einen voll bunter, nur lose zusammenhängender Videobilder und einen prall gefüllt mit Unmengen emphatischer Schillerworte wie: Lebet wohl ihr Vaterlandstäler, einst saht ihr den Knaben Karl, und der Knabe Karl war ein glücklicher Knabe, jetzt saht ihr den Mann und er war in Verzweiflung. Vielleicht müssen wir die Säcke so lange herumschleifen, bis sie durchgewetzt sind und sich von selber mischen. Frisch also! Mutig ans Werk!- Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, dass ich nicht Herr bin.
David
Veröffentlicht am:11. Juni 2009
Als versprengter Räuber im Forum Freies Theater Düsseldorf. Deutsches Fernsehen reenacted Juni 1954/Juni 2009. Das Ganze eine Reminiszenz an das alte Fernsehen vor 50 Jahren, Studio und Sendeformat eine Art Form, in die Erfahrungen, Visionen, Erlebnisse, Belangloses und Wichtiges, Ergreifendes und Abschreckendes aus unserer Zeit, 50 Jahre später, quasi hineingegossen werden konnte.
Ich fand mich plötzlich mitten in einem Fernsehstudio sitzend, noch mit Wanderstock und speckiger Hose, wie immer Schillers Räuber dabei, und vor mir unerwartet schonungslose Bilder unserer Wanderung von West nach Ost. Alles Live für die Zuschauer im Studio und draußen an Bildschirmen und Radioapparaten. Exakt vor 50 Jahren gab es eine Übertragung einer Räubergeschichte in fünf Szenen aus dem Renaissance-Theater Berlin mit Theo Lingen in der Hauptrolle. Dies der Anlass unsere Räuberwanderung dem Publikum zu präsentieren.
Alles spontan und flüchtig montiert, aber nicht beliebig. Ich las ein paar Texte aus dem Schiller, gab ein paar Hinweise zu den Bildern. Frank und Svenja mit dabei. Nicht viel, nur Andeutungen dessen, was dort draußen im Land geschehen war. Wir sind ja noch eigentlich mitten drin in der Wanderung. Erst im Herbst stellen wir uns endgültig mit allem der Öffentlichkeit. Umso schöner 1 1/2 Stunden einfach nur sitzen zu können, einen Schluck zu trinken, zu entspannen und zu erzählen, ein bisschen aufzudecken, ein paar Rätsel zu lassen und die Zuschauer auf unserer Seite zu spüren. Neugier ist das zentrale Stichwort. Die wollen wir dann bis September gerne zulassen.
Harald
Veröffentlicht am:29. Mai 2009
In Laucha morgens erstmal ins Casino gegangen. Das war früher ein Dorfkino und wurde jetzt zur Gamblehalle umgerüstet. Starker Zigarettengestank. Wer spielt roocht ooch. Der Wirt hätte viel zu erzählen gehabt, war aber komplett heiser. Zuviel gegambelt.?

Dann das absolute Frischlufterlebnis. Mit der DLRG im Schnellboot über den Geiseltalsee. Haben sie auf Räuberart gefragt und sie haben´s gemacht. War früher ein riesiges Braunkohlerevier.
Unwetter. Nasse Klamotten. Kotzende Amalia. Aber gut. Mal raus aus dem Wald und ne Stunde bewegt werden. Dann schon fast am Ziel. Kurz noch ein Erdbeerfeld ratzekahl geplündert. Dann langer Marsch nach Leipzig. Unerträgliche Spannung kurz vor der Schaubühne. Haben uns durch den Hintereingang reingeschlichen. Erhebender Moment auf dem heiligen Boden des Theatersaals.
Endlich am Ziel. Glücklich. Gezeichnet. Gereift.
Harald
Veröffentlicht am:29. Mai 2009
Freizeitbeschäftigung mit I? -In Wasser springen.
Höchststrafe mit H?- Hirnausquetschen.
Seit gestern entwickeln wir stark erweiterte Formen von Stadt-Land-Fluß, wenn wir im Auto unterwegs sind.

Viel Wind heute. Wind, große, kugelige Wolken und darunter flaches, fruchtbares Land. Windräder drehen sich überall. La Mancha von Thüringen. Und unser Klapprad, das Rosinante genannt werden könnte, begleitet uns sowieso.
Zwischen unermesslich langen, schwarzen Plastikbahnen auf Erdhügeln, arbeiten flinke Polen. Der Besitzer des Spargelfeldes ist Rheinländer und erzählt bereitwillig vor der Kamera.
Nicht so die Autoverwerter in Schallenburg. Außer den dreifach gestapelten Autos auf dem Gelände warten 500 Autos auf der Wiese auf ihre „Verwertung“. Für sie wurde die Abwrackprämie kassiert, bestätigt von den Verwertern. Wer weiß, was da noch passiert, wenn der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit wieder woanders liegt. Vielleicht landen sie ja am Ende doch in der Heimat der Spargelstecher.
Der Mensch ist von Natur aus optimistisch, lese ich in der Thüringer Allgemeinen. 89% der befragten aus 140 Ländern glauben, dass es ihnen in 5 Jahren nicht schlechter, sondern eher besser gehen wird. Ganz vorne bei den Optimisten sind die Iren, Dänen und Brasilianer. Ganz hinten sind die Menschen aus Zimbabwe, Ägypten, Haiti und aus Bulgarien natürlich.
Am Nachmittag durchlaufen wir eine Grasmulde, die so schön ist, dass man sich für immer hinein legen möchte.
Feuer und Würstchen am Waldrand. Wir trinken auch Wein. In der Abendsonne noch mal zwischen Windrädern.. Wir sitzen am Straßenrand und schauen auf das Thüringer Becken. Autos und Laster donnern hinter uns hinweg. Dann verlassen wir Thüringen.
Krankheit mit M? –Mösenpilz
Erotische Tätigkeit mit M? -Mal fremdgehen.
Kosename mit M? –Mutti
Das reicht aber jetzt für heute.
David
Veröffentlicht am:29. Mai 2009
Nach dem Frühstück brechen wir vom Rittergut auf, welches
die Besitzer zu recht als ‘Niemandsland’ bezeichnen, denn auch hier
gibt es kein Internet und kein Handy-Netz (ausgenommen Vodafone),
was am Abend zuvor zu einer deutlichen Entzweiung in der Gruppe
führte.
Kurz nach unserem Aufbruch am nächsten Morgen, halten wir an einem Hügel, der mit Kirschbäumen bepflanzt ist. Es ist ein heißer Morgen
alle schwitzen wir und lesen Schiller, Karl ” Sei gegrüsst Vaterlandserde…”
mit dem Blick über die wunderschöne Landschaft.
Zurück an der Hessisch-Thüringischen Grenze wiederholen wir die Szene
an einem übriggebliebenen Stück Grenzzaun, der Ost und Westdeutschland
voneinander trennte. Ein dort angebrachtes Schild verstimmt uns, wir haben Hunger. Wir fahren weiter.
Kaffe in Großenburschla, Pommes für Justine, die sich mit dem Wirt ins Gespräch kommt. Wir teilen uns auf und befallen das Dorf auf der Suche nach persönlichen Geschichten. Das Dorf ist wie ausgestorben, dennoch sehr gepflegt. Ich habe das Gefühl ein Soldat zu sein, der durch das gerade eingenommene Städtchen läuft. Die Einwohner verstecken sich in ihren Häusern. Ich bin hier fremd.
David und ich auf der Suche nach persönlichen Geschichten…
Endlich finden wir eine alte Frau auf einer Bank vor ihrem Haus sitzend.
Als wir sie ansprechen winkt sie uns sogleich herbei. Ein junger Hund ist bei ihr und freut sich ausnehmend über unseren Besuch. Später knabbert er im Haus die Tapete von der Wand. Hunde sind ganz wundervoll, ihr Ego scheint so klein zu sein und ihre Freundschaft zum Menschen so groß. Der junge Hund kennt kein Ost und West er hüpft im Garten der alten Frau, will spielen, lebt im Hier und Jetzt.
Wir drehen eine Sequenz in einer Blau gestrichenen Bushaltestelle. Sehr schön.
Auf der Suche nach einem Restaurant fällt uns auf, wie wenig Menschen
hier unterwegs sind. Eine Dorfkneipe schickt uns wieder fort, da sie mit unserer Anzahl von zehn überfordert ist. Endlich, auch müde jetzt, landen wir bei einem Italiener. Gut.
Diese Nacht auch wieder im Rittergut, da Reservierung im Landgasthof versemmelt.
Wie auch immer, es ist gut im Rittergut.
Manuel
Veröffentlicht am:26. Mai 2009
Und wieder in Bewegung. Die Damen kutschieren uns in Hochgeschwindigkeitdurch das frühsommerlich ergitzte Hessen. Trotz diverser Krankheitserscheinungen ist die Stimmung gelöst, geradezu heiter.
Im hessischen Exgrenzdörfchen Herleshausen - malerisch gelegen, aber Montags komplett geschlossen und auch sonst in tiefen Schlaf versunken -die badehosengewandete Dorfjugend aufgewiegelt. Das benachbarte Lauchröden scheint gar keinen Nachwuchs aufzuweisen, dafür gibts eine beträchtliche Anzahl an NPD- und Rep-Wahlplakaten. Die wenigen Thüringer, die anzutreffen sind, erweisen sich als kooperativ und glänzen mit Spezialwissen.

Burgschlüssel
Später anarchistische Unterkunft, genau in der Mitte Deutschlands. Im Niemandsland und ohne Netz.
Justine
Veröffentlicht am:22. Mai 2009
Das Wandern ist des Textes Freund. Ein Weg, eine Person, ein Zustand gekoppelt an einen Text. Das fällt uns zu und bleibt. Mit dem Text sich durch Deutschland arbeiten – Textarbeit.
Die Menschen am Wegrand im Licht des Tages sprechen uns den Schiller. Wir lauschen!
Keine Erkenntnisse – viel Freude!
Nun the eastern part of BRD!
Lets go!
Frank
Veröffentlicht am:17. Mai 2009
Frühstück mit selbst gemachten Marmeladen und sonst den üblichen Zutaten im Hotel Hof Weidelbach. Beschwingt pfeift der schnauzbärtige Hausherr die Volksmusikschlager mit. Anschließend Schillerlesen auf der Terrasse. Eine Birke tänzelt im Morgenwind vor einem knatschgelben Rapsfeld. Ein braunes Pferd grast daneben und ein kleiner Esel oder ein Muli. Amalia weist alle Versuche Franzens, sie zu seiner Frau zu machen oder - da sie nicht will - eben zu seiner Mätresse oder dann eben sie auf der Stelle zu vergewaltigen, entschieden zurück. Gute Szene. Sie beginnt mit einem Lied Amaliens über den himmelsgleichen Jüngling, den sie verloren hat. Ja, ja Karl.
Unser Ziel ist das Gefängnis in Schwalmstadt-Ziegenhain. Dort soll das Lied zum Einsatz kommen. Vom Ortsrand wandern wir uns heran. Wir kommen aus einem Gebüsch am Flussufer, durchqueren eine ziemlich nasse Auwiese und gehen an einer Schafherde mit lauter Lämmchen vorbei. Später auf dem Weg durch den Ort werden wir aufgefordert, verächtlicher auf die Vorgärten zu schauen. Justine spuckt daraufhin auf den Rasen. Das sind wirklich große Momente.
Auf dem Platz bleiben wir vor dem Gefängnis stehen. In einer Reihe wie die Glorreichen Sieben, obwohl wir gerade mal fünf sind. Ein wunderschöner Platz mit Kirche und allem, was dazu gehört. Nur dass ein Drittel der Gebäude Gitterfenster hat und mit Stacheldraht auf den Dächern gesichert ist. Wir versuchen mit Gefängnisbesuchern ins Gespräch zu kommen. Die Annährungen sind von beiden Seiten von Scheu gekennzeichnet. Karge Beute zunächst. Dann wird es besser. Zwei Jungs, die beide auch eingesessen haben, haben gerade einen ehemaligen Mithäftling besucht. “Es gibt Leute, die sitzen 15 Jahre und kriegen in der ganzen Zeit keinen Besuch von Freunden”, erzählen sie. Eine sehr blonde junge Frau wartet auf den Anfang ihres dreistündigen Langzeitbesuches. Ihr Freund ist da drin. Er hat noch drei Jahre vor sich und schon ein paar hinter sich. Vor der Kirche stehend liest sie Amaliens Lied für uns.
Ein alter Mann, der wie mindestens neunzig aussieht, aber erst siebenundsiebzig ist, war früher jahrzehntelang Knastfriseur neben seiner Arbeit im eigenen Friseursalon. Als die Langzeitbesucher durch die Türe verschwunden sind, verstreuen auch wir uns.
Das war´s für diese Woche. Übernächsten Montag geht es weiter gen Osten.
David
Veröffentlicht am:17. Mai 2009


Das Regieduo mit einer glorreichen Idee an diesem Morgen: 6 km wandern mit Kamera und Regenponchos. Wir fahren die Autos voraus zum Endpunkt nach Jesberg und schlagen uns die Zeit tot mit Mandelbogen und Ochsenauge.
Leicht gereizte Stimmung in der Wandertruppe als wir uns um 14 Uhr im Wald wiedertreffen. Da hilft auch nicht das Wandelgärtchen der vier liebreizenden Prinzessinnen. Der nette Hesse, Herr Klitsch, erzählt uns über schwule Königsbrüder, Keltenopfersteine, Banküberfälle und sein zweites Leben als Kellerwalddruide. Im Seniorenheim findet Harald später noch eine fantastische Amalia, die mit der Kamera jedoch nicht zu fangen war.
Eine frühabendliche Filmsession wird jäh vom Waldbesitzer unterbrochen, doch Justine rettet ganz feministisch die Situation. Das restliche Team springt von Baum zu Baum, um nicht auf den Aufnahmen zu landen. Leider gab es wenig dicke Bäume…
Die Schwalmer Klöße zum Abendessen sind phänomenal - lecker und mächtig!
Annika und Svenja
Veröffentlicht am:15. Mai 2009
Nachricht aus der Weite der Zeit:
Die Nacht begann mit der Einsicht, dass es ohne dieses Feuer kälter in der Welt wäre und wenig später stand die Zeit für zwei Stunden still.
In den frühen Morgenstunden sagte die Försterin: “Der Lebenszyklus des Waldes umfasst 80 bis 130 Jahre. Wir Förster denken langfristig und nachhaltig.”
Der Förster lebt in einer entschleunigten Zone. Beneidenswert.
Und kurz darauf bei Schiller: 2. Akt, 2. Szene: ein zerfleischen in Zeitlupe.

Für uns wurde die Zeit zum Thema des Tages, konsequenterweise in Form des Wartens. Nach engagierter Diskussion mussten wir wie so oft
feststellen: Das Warten ist keine Frage der Zeit sondern eine Frage der Einstellung.

Eine Meisterin des Warten ist die Hure, der wir begegnet sind. Zeitlich gesehen scheint sie sich hauptsächlich mit dem Warten zu beschäftigen. Ihr ‘Kerngeschäft’ unterliegt aber interessanterweise keinem offensichtlichen Zeitdiktat. Abgerechnet wird der Leistungsumfang, nicht die benötigte Zeit. Das war uns vorher nicht bewusst.
Das Land rauscht an uns vorbei - und bleibt zurück Für die Durchquerung des Raumes ist die Zeit zum entscheidenden Faktor geworden.
Es wäre schön zu bleiben - das wäre Heimat.
Andreas